Artykuły

Renata A. Thiele

Es gibt viele Definitionen des Raums und lang ist die Liste der Synonyme von Raum. Und dabei versteht jede Kultur unter dem Begriff Raum etwas anders. Der Mangel an Raum war ein mächtiger Motor für viele große Bewegungen in der Geschichte gewesen. Trek-Fans kennen die unendlichen Weiten des Welt-Raums, die es zu erkunden gilt. Doch was bedeutet der Raum für den einzelnen Menschen?

Warum? Diese Frage stand in meinen weit aufgerissenen Augen und wartete auf eine Antwort. Doch die kam nicht, er – mein deutscher Freund – saß bereits an seinem Schreibtisch, vertieft in irgendwas, wozu ich keinen Zugang hatte. Ich verließ das Zimmer – und darum ging es letztendlich. Ich litt ein bisschen darunter … na gut, ich litt sehr und war mir sicher, jetzt ist Schluss mit uns – und es ist nur die Frage der Zeit. Warum darf ich nicht in seinem Zimmer sein, einfach so, während er etwas macht?

Im kommunistischen Polen hatte selten jemand ein großes Haus oder eine große Wohnung. Kinder hatten zwar meistens ihre Zimmer, aber sie mussten manchmal zu zweit darin wohnen. Die Zimmer waren auch nicht verschließbar. Wozu? Geheimnisse vor den Eltern?! Was ist das für ein Unsinn?! Die hatte man einfach nicht zu haben. Die Mutter oder der Vater durfte jederzeit das Kinderzimmer betreten, und wehe, wenn das Kind sich dagegen aufzulehnen versuchte! Wenn man also seine Ruhe haben wollte, ging man in die innere Emigration, in sich hinein. Und da blieb man eine Weile. Oder ein paar Tage – je nach Bedarf. Die ständige Präsenz der Familienmitglieder im Alltag gehörte einfach zum Leben dazu. Um einen herum tobte das Familienleben, man blieb aber in sich gekehrt.

In drei Zimmern lebten schon mal drei Generationen, egal wie klein die Wohnungen waren. Und sie waren klein. Der Mensch brauchte keine großen Räume, er sollte ja draußen leben, aktiv am Leben der Gesellschaft teilnehmen. Doch der Mensch wollte das nicht und – zum Trotz aller kommunistischen Theorien – verbrachte seine Freizeit in der Familie. Menschen, die in solchen Familien groß geworden sind, sind keine Sozialfälle geworden. Sie verstehen vielleicht eher, mit allen und jedem auszukommen, finden schnell Kompromisslösungen und regen sich vielleicht seltener über Dinge auf, die für einen im Westen Geborenen von großer Bedeutung sind, wie zum Beispiel Verletzung der Intimsphäre. Der kommunistische Mensch lebte sozial, und darunter verstand man auch den Wegfall der Intimsphäre. Zumindest theoretisch, aber auch die Theorie blieb nicht ohne Wirkung.

Wir Durchschnittspolen jener Zeit gingen also in die innere Emigration in einem kleinen Familienkreis. Die Großen, politisch Engagierten, die Schriftsteller, die nicht regimeopportun waren, taten es auch. Eine richtige Emigration war nicht immer umsetzbar. Denn die Pässe lagen bei der Polizei sicher aufbewahrt, und ohne Pass kein Visum, ohne beides keine Ausreise. Oder man wurde für so gefährlich eingestuft, dass die durch einen bedrohte Regierung denselben in die Emigration schickte, die Voraussetzung war jedoch, dass der Delinquent nicht mehr in die Heimat zurückkehren durfte.
Seit den 70er Jahren wachsen in Deutschland Kinder unter anderen Bedingungen auf: ein eigenes Zimmer, verschließbar (!), das Recht, nicht gestört zu werden, Zeit zur Erholung nach der Schule und ähnliche Zeichen der Individualisierung des Individuums schon im zarten Alter. Für einen aus dem kommunistischen Osten unglaublich, ja, unvernünftig. Individualität ja, aber braucht sie wirklich einen Raum für sich alleine? Das ist ja keine Vorbereitung auf das erwachsene Leben, wo man ständig von Menschen umgeben ist und mit ihnen auskommen muss. Unser östlicher Blickwinkel der Beobachtung war eindeutig auf die Sozialisierung des Individuums fixiert, die Selbstverwirklichung des Menschen stand dabei nicht zur Debatte. So sah ich die Notwendigkeit nicht, einen Raum zu haben, in welchen man sich zurückziehen kann, und dass bereits die Gewissheit, dass man ihn hat, gut tut.
Wir sprechen heute von Kulturunterschieden, von kulturellen Dimensionen, wie Kulturwissenschaftler sie bezeichnen. Es wird zwischen individualistischen und kollektivistischen Kulturen unterschieden. Die kollektivistischen sind nach innen – egal ob man damit den Familienkreis, die Firmenbelegschaft oder letztendlich die Gesellschaft – orientiert. In diesen Gesellschaften wird immer im Sinne der Gruppe entschieden, und nicht des Individuums. Das Individuum wird von der Gruppe geschützt und der Preis dafür ist der Verlust der Selbstständigkeit bei Entscheidungsfindung, die auch intime Bereiche des Lebens betreffen kann.
Die individualistischen Kulturen legen viel Wert auf die Entwicklung und die Sicherung der Entwicklungsmöglichkeiten eines Individuums. Dieses muss aber sich selbst schützen können, selbst alle Entscheidungen treffen und Konsequenzen ihres Handelns tragen. Die Gruppe schützt das Individuum nicht, dafür hat es seine Freiheit. Eine individualistisch geprägte Gesellschaft schafft andere Spielregeln als eine kollektivistische, um zu überleben und bestimmt auf ihre Weise alle Alltagsaktivitäten. Doch dies ist ein fließender sich ständig modifizierender Prozess.
Generell gilt auch: Je reicher die Gesellschaft desto ausgeprägter ist der individualistische Anteil. Das bedeutet aber auch, dass es im Laufe der Geschichte und der Entwicklung einer Kultur zu Verschiebungen kommen kann. So gilt heute die reiche deutsche Kultur als individualistisch, während die polnische – ja, die polnische, die immer an der Grenze zwischen Ost und West stand und nicht so ganz zu einer dieser Welten gehörte –, die polnische Kultur entwickelt sich nun von einer kollektivistischen zu einer individualistischen Kultur hin. Dieser Prozess verläuft nicht im gleichmäßigen Tempo, so wurde er durch die Umwälzungen der letzten Jahrzehnte zumindest in Polen stark beschleunigt.
In diese Umbruchzeiten wurde die Generation der heute 40-50-er hineingeboren: Heute mehr dem Individualistischen zugewandt, bekam sie einen großen Teil der kollektivistischen Weltordnung mit auf den Weg, die im Fall Polens stark mit dem Kommunismus assoziiert wird. Dies ist jedoch nur bedingt richtig, denn der Kommunismus an sich ist nicht der alleinige Entscheidungsfaktor für die kollektivistische Ausprägung. Die neue, kapitalistische Gesellschaftsordnung, gepaart mit der individualistischen Erziehung in der neuen Heimat zwingt Polen, die in Deutschland ihr Leben aufgebaut haben, zur Umwertung und Umorientierung. 


Also schmollte ich im anderen Zimmer wegen dieser furchtbaren Ablehnung, der Ablehnung meiner Anwesenheit in seinem Zimmer. Ich schmollte auch dann noch eine Weile, als er schon aus seinem Zimmer kam und nicht wusste, warum ich so beleidigt bin.
– Warum darf ich nicht in deinem Zimmer sein, während du etwas machst?
– Ich brauche meine Ruhe – sagte er und ich verstand es nicht.
Ich ging in die Küche, um das Abendessen vorzubereiten, und schwor mir, es ihm heimzuzahlen. Die Gelegenheit kam bald. Ich las ein interessantes Buch und wollte nicht gestört werden. Er kam herein, scannte kurz die Situation und verließ mein Zimmer.
Warum geht er jetzt weg? Ist er beleidigt? – wieder verstand ich sein Verhalten nicht. Ich regte mich auf und hatte keine Ruhe mehr für die Lektüre. Genervt lief ich ihm nach – Was soll das? Wieso läufst du weg?
– Ich laufe doch nicht weg. Du hast gelesen. Wir können ja später miteinander reden – antwortete er und kramte seelenruhig an seinem Computer.
– Nichts ist o.k. Ich möchte doch, dass du bei mir bleibst, auch wenn ich lese –
Er schaute mich lächelnd an und kam auf mich zu:
– Ja, alles wird gut – er bemühte sich mich zu beruhigen und schien zumindest mein Verhalten wirklich verstehen zu wollen.
Mit dem Heimzahlen hat es nicht richtig funktioniert, das war mir schnell klar geworden. Ich beschloss nicht weiter zu bohren, blieb aber weiter auf der Hut. Doch nichts passierte. Es brauchte eben seine Zeit, bis ich nun sein Bedürfnis nach Rückzugsmöglichkeit verstand, hinter der nichts anderes stand als der Wunsch, in Ruhe über verschiedene Dinge nachzudenken oder einfach mal nicht für andere da zu sein.
Jetzt brauche auch ich mehr Raum für mich. Woher also das anfängliche Missverständnis? Habe ich mich inzwischen verändert?


Der Mensch ist extrem anpassungsfähig und kann über lange Zeit viele Unbequemlichkeiten und gar Widrigkeiten des Schicksals ertragen. Das heißt aber nicht, dass er mit den ungünstigen Bedingungen immer leben will und wird, sobald ihm eine Verbesserung seiner Lage in Aussicht gestellt wird. Dann ergreift er die Chance und verbessert seine Lebensqualität. Er muss dies nicht einmal bewusst machen. An Besseres, Bequemeres, Schöneres gewöhnt sich der Mensch schnell. Jetzt muss – zumindest in Europa – niemand für mehr Raum sterben. Seine Seele verkaufen oder sich selbst von Verrückten in ihre Sachen einspannen lassen muss auch niemand. Die europäische Geschichte zeigte bereits deutlich, dass der Kampf um mehr Raum nicht immer mit der Eroberung desselben endete. Und wenn, dann bedeutete das keineswegs mehr Raum für jeden – und um diesen Raum für jeden geht es hier. Wie groß auch immer der persönliche Raum zum Schluss sein wird, kann der Mensch auch nicht immer selbst bestimmen, aber er sollte ihn haben. Schon der psychischen Hygiene wegen.
Wer weiß, was nicht alles dadurch hätte vermieden werden können, wenn jedem Menschen etwas Raum für ihn alleine zur Verfügung gestanden hätte, im 12. Jahrhundert, als sich Europa auf den Weg gegen seine Glaubensfeinde gemacht hatte, und im 20. Jahrhundert, als der Raum im Osten als die einzige Erweiterungsrichtung für das Deutsche Reich in Frage kam.
Der Mensch, der mehr Raum für sich und seine Gedanken hat, ist nicht leicht dazu zu bewegen, gegen andere Menschen ins Feld zu ziehen. Er reflektiert, wird langsamer, vielleicht auch vorsichtiger in der Beurteilung anderer. Es bedarf mehr Kraft, um ihn aus dieser bequemen Position herauszureißen. So lange er seinen freien Raum hat, wird er nicht so leicht zu überzeugen sein, dass ihm der Raum fehlt. 


Renata A. Thiele